Von Widmanns Pluszeichen zu Unicode, MathML und LaTeX in WordPress
Bis ins späte Mittelalter wurden Rechenoperationen ausgeschrieben. Wer addieren wollte, formulierte das in Worten, und wer eine längere Rechnung festhielt, brauchte dafür ganze Sätze. Die kompakte Notation, die heute jedes Schulkind verwendet, ist deutlich jünger als die Mathematik selbst, und sie hat Jahrhunderte gebraucht, bis überall dasselbe Zeichen dieselbe Operation bedeutete.
Im Web wiederholt sich diese Geschichte im Kleinen. Ein Pluszeichen in einen Blogbeitrag zu tippen, ist trivial. Ein echtes Minuszeichen, ein Bruch oder eine ganze Formel dagegen stellen jede Website vor die Frage, wie die Notation technisch in den Browser kommt. Wer dabei Oberflächen oder Dokumentation aus dem Englischen übernimmt, stolpert zusätzlich über die Begriffe: Eine Übersicht, wie «sign» im österreichischen Deutsch je nach Zusammenhang übersetzt wird, gibt es auf Signs AT.
Fünf Jahrhunderte Notation in Kurzform
Den Anfang machten die beiden Zeichen, die heute am selbstverständlichsten wirken. Widmann führte 1489 die Symbole „+“ und „−“ in gedruckter Form ein. Knapp siebzig Jahre später folgte das Gleichheitszeichen: Recorde schlug es 1557 vor und begründete seine Wahl ausdrücklich, zwei parallele Linien seien einander maximal ähnlich. Für mich ist das eine der wenigen Stellen, an denen sich der Erfinder eines Symbols selbst erklärt hat.
Bei den übrigen Zeichen ist die Herleitung unterschiedlich gut belegt:
- ∞ taucht 1655 bei Wallis auf. Eine verbreitete Deutung leitet die Form aus der römischen Schreibweise für Tausend ab.
- π wurde 1706 von Jones vorgeschlagen und durch Euler allgemein durchgesetzt. Der Buchstabe geht auf das griechische perimetros zurück, also den Umfang.
- % stammt aus dem Italienischen. Aus per cento entwickelte sich über die Kurzform „pc“ die heutige Schreibweise.
- ÷ trägt den Fachnamen Obelus. Antike Textgelehrte markierten damit Stellen, die sie für unecht hielten, lange bevor es in der Rechenpraxis auftauchte.
Verbindlich wurde die Notation erst im 18. und 19. Jahrhundert. Bis dahin konnte dasselbe Zeichen in unterschiedlichen Druckereien für verschiedene Operationen stehen. Genau dieses Problem, ein Zeichen, mehrere mögliche Bedeutungen, kehrt bei der Darstellung im Web wieder, nur heißen die Druckereien heute Zeichensatz, Browser und Plugin.
Ebene 1: Unicode und HTML-Entities
Für einzelne Zeichen im Fließtext ist keine Formel-Technik nötig. Jedes mathematische Zeichen hat in Unicode einen eigenen Codepunkt, und für die gängigsten gibt es in HTML benannte Entities. Damit lassen sich Prozentangaben, Preisvergleiche oder eine Ungleichung im Text sauber setzen.
| Zeichen | Englisch | Deutsch (AT) | Unicode | HTML | LaTeX |
| + | plus sign | Pluszeichen | U+002B | + | + |
| − | minus sign | Minuszeichen | U+2212 | − | – |
| = | equals sign | Gleichheitszeichen | U+003D | = | = |
| × | multiplication sign | Multiplikationszeichen, Malzeichen | U+00D7 | × | \times |
| ÷ | division sign | Divisionszeichen | U+00F7 | ÷ | \div |
| ± | plus-minus sign | Plusminuszeichen | U+00B1 | ± | \pm |
| ≠ | not equal to | Ungleichheitszeichen | U+2260 | ≠ | \neq |
| < | less-than sign | Kleiner-als-Zeichen | U+003C | < | < |
| > | greater-than sign | Größer-als-Zeichen | U+003E | > | > |
| ∞ | infinity | Unendlichkeitszeichen | U+221E | ∞ | \infty |
| π | pi | Pi | U+03C0 | π | \pi |
Auffällig ist die Regelmäßigkeit in den beiden Sprachspalten: Im Englischen steht durchgehend „sign“ als zweites Glied, im Deutschen durchgehend „-zeichen“. Bei „<“ und „>“ ist die Entity in HTML übrigens keine Stilfrage, weil beide Zeichen sonst als Beginn oder Ende eines Tags gelesen werden können.
Der Bindestrich ist kein Minus
Der häufigste Fehler auf Websites mit Zahlen ist unscheinbar. Das Zeichen, das die Tastatur beim Strich liefert, ist der Bindestrich-Minus mit dem Codepunkt U+002D. Er ist ein Kompromiss aus der Zeit der Schreibmaschinen und frühen Zeichenkodierungen, in denen Bindestrich, Minus und verschiedene Striche auf einer einzigen Taste lagen, weil sie ähnlich aussahen. ASCII hat diesen Doppelcharakter schon im Namen festgeschrieben.
Das eigentliche Minuszeichen ist U+2212, in HTML −. In den meisten Schriften entspricht es in Höhe und Länge dem Pluszeichen, während der Bindestrich-Minus eher dem gewöhnlichen Bindestrich gleicht. Wer Temperaturen, Kursveränderungen oder Rechenwege darstellt, sieht den Unterschied sofort, sobald Plus und Minus untereinander stehen.
Es ist eine bemerkenswerte Parallele zur Druckgeschichte: Fünfhundert Jahre nach Widmann teilen sich Minus und Bindestrich auf vielen Websites wieder dasselbe Zeichen, so wie früher ein Symbol in verschiedenen Werkstätten Verschiedenes bedeuten konnte.
Ebene 2: MathML direkt im Browser
Sobald aus einzelnen Zeichen eine Formel wird, reicht Unicode nicht mehr. Ein Bruch, eine Hochzahl oder eine Wurzel braucht Struktur. Dafür gibt es MathML, eine XML-basierte Sprache zur Beschreibung mathematischer Notation.
Für Browser maßgeblich ist heute MathML Core, eine Teilmenge, die eigens dafür zugeschnitten ist, mit HTML, CSS, DOM und JavaScript zusammenzuarbeiten. Die Geschichte dahinter ist holprig verlaufen. Aus der Chromium-Engine war MathML 2013 entfernt worden und kam erst mit Chrome 109 im Jänner 2023 zurück. Seither ist MathML nach Angaben von MDN in allen gängigen Browsern verfügbar und gilt als „Baseline: Widely available“.
Ein einfaches Beispiel, die Zahl π² durch 6:
<p>
Die reelle Zahl
<math>
<mfrac>
<msup>
<mi>π</mi>
<mn>2</mn>
</msup>
<mn>6</mn>
</mfrac>
</math>
ist irrational.
</p>
Die Elemente sind sprechend benannt: <mi> steht für einen Bezeichner, <mn> für eine Zahl, <mo> für einen Operator, <mfrac> für einen Bruch und <msup> für eine Hochstellung. Das Attribut display am <math>-Element entscheidet über die Darstellung. Ohne Angabe gilt inline, die Formel steht im Textfluss. Mit display=“block“ erscheint sie abgesetzt in einem eigenen Block. Zusätzlich hat <math> die implizite ARIA-Rolle math, sodass assistive Technologien den Inhalt als mathematischen Ausdruck erkennen können.
Der Vorteil liegt auf der Hand: kein JavaScript, keine externe Bibliothek, keine Abhängigkeit von einem fremden Server. Der Nachteil ebenso, denn MathML von Hand zu schreiben ist mühsam, und schon eine mittelgroße Formel füllt viele Zeilen.
Ebene 3: LaTeX-Syntax mit JavaScript-Bibliotheken
Wer regelmäßig Formeln veröffentlicht, schreibt sie in der Regel in LaTeX-Syntax und überlässt die Darstellung einer Bibliothek. Zwei Projekte dominieren dieses Feld.
MathJax ist am 5. August 2025 in Version 4.0.0 erschienen. Die neue Version bringt eine Standardschrift mit deutlich größerer Zeichenabdeckung, Unterstützung für elf weitere Schriften und Zeilenumbrüche sowohl in Formeln im Fließtext als auch in abgesetzten Formeln. Für die Barrierefreiheit ist der Expression Explorer nun standardmäßig aktiv, die Sprachausgabe läuft in einem eigenen Web-Worker.
KaTeX setzt auf Geschwindigkeit. Die Bibliothek rendert synchron, ohne einen erneuten Reflow der Seite zu erzwingen, orientiert sich im Layout an TeX und kommt ohne Abhängigkeiten aus. Für Websites besonders interessant ist das serverseitige Rendering: Weil die Ausgabe unabhängig vom Browser gleich ist, lässt sich eine Formel mit Node.js vorab in HTML umwandeln.
const html = katex.renderToString(„c = \\pm\\sqrt{a^2 + b^2}“, {
throwOnError: false
});
Wird alles auf dem Server gerendert, braucht der Client kein JavaScript mehr, wohl aber das CSS und die Schriftdateien von KaTeX. Mit throwOnError: false erscheint fehlerhafte Eingabe als roter TeX-Quelltext, statt die Seite zu stören.
LaTeX in WordPress: vier Wege und ihr Zustand
In WordPress landet man meist bei einem Plugin. Ich habe mir die verbreiteten Varianten angesehen, und der Befund ist ernüchternder als erwartet.
Jetpack Math-Block (früher LaTeX). Die Funktion ist standardmäßig deaktiviert und wird unter Jetpack → Einstellungen → Schreiben im Abschnitt Verfassen eingeschaltet. Formeln werden in $latex … $ geschrieben, zum Beispiel latexr2. Dargestellt werden sie als Bilder, die von s0.wp.com/latex.php geladen werden. Die Größe lässt sich mit &s= von −4 bis 4 steuern, Hinter- und Vordergrundfarbe mit &bg= und &fg= als Hex-Wert. Verfügbar sind die Pakete amsmath, amsfonts und amssymb, Umgebungen wie align funktionieren dagegen nicht.
KaTeX (Tom Churchman). Das Plugin bindet die KaTeX-Bibliothek in Version 0.16.22 ein und rendert im Browser der Besucherinnen und Besucher. Formeln werden per Shortcode [katex]…[/katex] gesetzt, für abgesetzte Formeln mit display=true. Dazu gibt es einen Gutenberg-Block mit Vorschau direkt im Editor.
MathJax-LaTeX. Mit über 10.000 aktiven Installationen das verbreitetste der hier genannten Plugins aus dem Verzeichnis. Es unterstützt [latex]…[/latex], die native MathJax-Syntax und die Schreibweise latex…. Die letzte Aktualisierung liegt rund zwei Jahre zurück.
WP LaTeX. Erzeugt PNG-Bilder, entweder über den LaTeX-Server von WordPress.com oder über eine eigene LaTeX-Installation am Webserver. Getestet ist es laut Pluginverzeichnis bis WordPress 4.1.
| Lösung | Darstellung | Syntax | Aktive Installationen |
| Jetpack Math-Block | Bild von WordPress.com | latex… | Teil von Jetpack |
| KaTeX | im Browser, KaTeX 0.16.22 | [katex], Block | 2.000+ |
| MathJax-LaTeX | im Browser, MathJax |
[latex], … |
10.000+ |
| WP LaTeX | PNG-Bild | [latex], latex… | 700+ |
Hinweis: Für die drei Plugins aus dem Verzeichnis weist WordPress.org im Oktober 2026 darauf hin, dass sie mit den letzten drei Hauptversionen von WordPress nicht getestet wurden. Das bedeutet nicht zwingend, dass sie nicht funktionieren, wohl aber, dass vor dem Einsatz auf einer Produktivseite ein Test auf einer Staging-Umgebung angebracht ist.
Welche Variante für welchen Zweck
Die Wahl hängt vor allem davon ab, wie viel Mathematik eine Website tatsächlich enthält.
- Einzelne Zeichen im Text, etwa Prozentangaben, Preisspannen oder ein Malzeichen bei Abmessungen: Unicode und HTML-Entities, ohne jedes Plugin.
- Wenige Formeln ohne zusätzliche Abhängigkeiten: MathML direkt im HTML, seit Jänner 2023 in allen gängigen Browsern darstellbar.
- Viele Formeln oder Autorinnen und Autoren, die LaTeX gewohnt sind: KaTeX oder MathJax, bei KaTeX auf Wunsch serverseitig vorgerendert.
- Bestehende Jetpack-Installation: Der Math-Block ist schnell aktiviert, liefert aber Bilder von einem externen Server statt Text, der sich markieren und kopieren lässt.
Zeichen, Symbol, Schild: die Begriffe in Doku und Oberfläche
Wer Plugin-Oberflächen, Fehlermeldungen oder Dokumentation aus dem Englischen übersetzt, trifft auf ein Wort, das im Deutschen mehrere Entsprechungen hat. Im mathematischen Zusammenhang heißt es Zeichen oder Symbol, je nachdem, ob die Operation oder die Darstellung gemeint ist. Ein „plus sign“ ist ein Pluszeichen, niemals ein Plusschild. Das Schild gehört an die Tür oder an die Fassade.
Die Faustregel, die in den meisten Fällen trägt: Steht das Zeichen auf Papier oder am Bildschirm und bezeichnet eine Operation, heißt es Zeichen. Hängt es an einer Wand und informiert Menschen, heißt es Schild.
Häufig gestellte Fragen
Warum sieht mein Minuszeichen kürzer aus als das Plus? Vermutlich steht im Text der Bindestrich-Minus U+002D von der Tastatur. Das echte Minuszeichen ist U+2212 und lässt sich in HTML als − schreiben.
Brauche ich für Formeln noch eine JavaScript-Bibliothek? Nicht zwingend. MathML ist seit Jänner 2023 in allen gängigen Browsern verfügbar. Bibliotheken wie KaTeX oder MathJax lohnen sich vor allem dann, wenn Formeln in LaTeX-Syntax geschrieben werden sollen.
Warum erscheinen Formeln aus dem Jetpack Math-Block als Bild? Weil Jetpack die Formeln über s0.wp.com/latex.php als Bild ausliefert. Das funktioniert ohne Einrichtung, die Formel ist dann aber kein markierbarer Text.
Was ist der Unterschied zwischen KaTeX und MathJax? KaTeX ist auf schnelles, synchrones Rendering ausgelegt und lässt sich serverseitig vorrendern. MathJax hat mit Version 4.0 vor allem bei Schriften, Zeilenumbrüchen und Barrierefreiheit nachgelegt.
Fazit
Ehrlich gesagt hat mich bei der Recherche am meisten überrascht, wie sehr sich die Geschichte wiederholt. Zwischen Widmanns erstem gedruckten Pluszeichen und einer verbindlichen Notation lagen rund dreihundert Jahre, und auch im Web hat es von der Entfernung aus Chromium 2013 bis zur Rückkehr 2023 ein Jahrzehnt gedauert, bis Formeln überall ohne Umweg dargestellt werden konnten. Für die Praxis heißt das: einzelne Zeichen sauber per Unicode setzen, für echte Formeln MathML oder eine Bibliothek wählen, und bei WordPress-Plugins vor dem Einsatz genau auf den Pflegezustand schauen.




















